Wieviel Digital Leadership steckt in deutschen Managern?

Das Thema Digital Leadership ist essentiell für den Sprung eines Unternehmens ins digitale Zeitalter. Doch wie gelingt der Shift vom Manager zum Digital Leader? Im Interview beleuchten Tobias Kollmann, Professor für BWL und Wirtschafts-Informatik an der Universität Duisburg-Essen, und IPA-Geschäftsführerin Ursula Vranken verschiedene Seiten der gleichen Medaille: Wissenschaftler trifft Unternehmensberaterin.

Digital Leadership: Was ist das? Eine Definition.

Professor Kollmann: Was genau ist der Unterschied zwischen klassischem Management und Digital Leadership?
Das Digital Leadership unterscheidet sich vom klassischen Management in der Art und Weise wie die Digitalisierung für und innerhalb der Unternehmensführung genutzt wird. Wir unterscheiden da grundsätzlich in ein Wollen im Hinblick auf das Zulassen und das aktive Treiben von digitalen Veränderungen als Digital Mindset, ein Können im Hinblick auf das zugehörige Wissen rund um digitale Geschäftsmodelle und -prozesse als Digital Skills sowie das Machen im Hinblick auf die konsequente Umsetzung von Digitalprojekten und der Verankerung von digitalen Managementmethoden wie Design Thinking oder SCRUM im Unternehmen als Digital Execution.

Frau Vranken, sie beraten Unternehmen in puncto Digital Leadership. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein: Hat die aktuelle Home-Office-Kultur zu einer digitalen Arbeitskultur geführt?
Nein, man kann hier höchstens von einem Notfall-Modell reden. Das funktioniert für eine kurze Zeit, aber von einem grundlegenden Wandel kann nicht die Rede sein. Höchstens die Einstellung zu Digitalisierungsthemen ist eine andere als noch vor ein paar Wochen. Die Akzeptanz digitaler Kollaborationsformen ist sicherlich gewachsen. Viele haben erkannt: „Digital oder remote zu arbeiten, ist gar nicht so schlimm.“ Was wir aber jetzt ganz dringend brauchen, ist das richtige Mindset.

Welches Mindset braucht ein Digital Leader?

Professor Kollmann, welches Digital Mindset ist die Voraussetzung für einen echten Digital Leader?
Im Hinblick auf das Wollen und damit das Digital Mindset geht es zum einen um die Offenheit und Neugierde gegenüber digitalen Technologien, digitalen Arbeits- und Organisationsformen. Gleichzeitig muss das bestehende, zumeist immer noch sehr reale Geschäftsmodell, ständig kritisch hinterfragt werden. Hinzu kommt abschließend noch der Wille, die Veränderungen aufgrund des digitalen Wandels aktiv mitzugestalten und anzutreiben. Ich erwarte hier von einem Digital Leader einen Vorbildcharakter für das gesamte Unternehmen.

Frau Vranken, welche praktischen Auswirkungen hat das auf die Bereiche Führung und Talent Management?
Zunächst einmal muss Führung zu Digital Leadership transformieren. Digital Leader machen ihr Team zum Beispiel zu echten Teilhabern bei Entscheidungen. Denn die Zeiten, in denen es ausreichte, dass nur der Kopf der Organisation denkt und die Richtung vorgibt, sind vorbei. Der Wettbewerbsdruck und das Tempo ist in allen Märkten immens gewachsen. Dem haben Unternehmen nur etwas entgegensetzen, wenn sie Innovation auf Innovation liefern. Und dafür müssen alle ihre grauen Zellen anstrengen. Das setzt nicht nur viel Vertrauen seitens des Digital Leaders gegenüber dem Einzelnen voraus. Unternehmen brauchen für eine solche Arbeitsweise auch kompetente Mitarbeiter, die sie im Rahmen ihres Talent Managements finden, binden und entwickeln müssen.

Welche digitalen Kompetenzen brauchen Führungskräfte im Zeitalter der Digitalisierung?

Professor Kollmann, ein Digital Leader braucht neben speziellen Fach- und Sozialkompetenzen auch Digitalkompetenzen. Welches digitale „Können“ muss einem Digital Leader in Fleisch und Blut übergehen?
Ein Digital Leader braucht für das Können zunächst einmal allgemeines Basiswissen zur Digitalisierung, Vernetzung und Datengewinnung sowie -nutzung aufgrund einer interaktiven Kommunikation. Ferner muss er konkretes Spezialwissen zu einer elektronischen Wertschöpfung, Wertschöpfungskette und einem Wertschöpfungsprozess im E-Business haben. Hinzu kommt dann noch das spezifisches Anwendungswissen rund um digitale Geschäftsfelder für den Einkauf, Verkauf und Handel und der zugehörigen digitalen Geschäftsprozesse. Das sind insgesamt die Digital Skills, auf die es ankommt!“


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Professor Kollmann, Digital Leadership beinhaltet ja noch eine dritte Komponente – das „Machen“. Was bedeutet das konkret?
Im Hinblick auf das Machen haben wir zwei Ebenen. Da ist zum einen der Managementansatz mit den Aspekten von Agilität, Wertorientierung und Proaktivität im Hinblick auf die Anwendung von digitalen Führungsmethoden und -tools. Zum anderen ist da der Objektansatz, wo es um den konkreten Aufbau von Prozessen, Produkten und Plattformen zu dem jeweiligen digitalen Geschäftsfeld eines Unternehmens geht. Wenn diese konkrete Umsetzung als Digital Execution nicht erfolgt, dann bleibt Digital Leadership nur eine theoretische Vorstellung.

Digital Leadership: Was ist in der Organisationsentwicklung zu beachten?

Frau Vranken, wie lässt sich das ganz praktisch innerhalb der Organisationsentwicklung abbilden?
Zum Beispiel brauchen Betriebe eine erhöhte Anpassungsfähigkeit, um sich schnell auf veränderte Marktgegebenheiten einstellen zu können. Das setzt agile, schlanke Strukturen voraus. Hier setzt unser Change Management an. Es braucht unternehmensspezifische digitale Strategien, eine Transformation der gesamten Organisation und schlussendlich Treiber, wie zum Beispiel einen Chief Digital Officer (CDO), der zusammen mit dem Management und den Mitarbeitern den Change vorantreibt. Nur so wird aus einer Vision ein strategischer Plan.

Und zweitens, Frau Vranken?
Zweitens müssen die Organisation und deren Unternehmenskultur entsprechend umgebaut werden – dann wird aus einem strategischen Plan gelebte Realität. Das umfasst beispielsweise die Veränderung und Verschlankung der Aufbau- und Ablauforganisation, die Einführung agiler Arbeitsmethoden und eben den Aufbau einer digitalen Kultur. Jedes Paket für sich ist umfassend und weitreichend und braucht den Fokus und die Aufmerksamkeit eines Digital Leaders. Dazu braucht er einerseits digitales Wissen. Genauso braucht er aber auch andererseits ein gezieltes Coaching, um seinen richtigen Führungsstil für das Digitalzeitalter zu finden.

Professor Kollmann, müssen Manager nochmals zurück auf die digitale Schulbank?
Antwort lautet eindeutig: Ja! Und wir haben dazu sogar empirische Befunde, denn mit unserem kostenlosen Digital Leadership Index messen wir im Internet die Ausprägungen der Teilnehmer im Hinblick auf das Wollen, Können und Machen.

Das Ergebnis ist eindeutig, denn die meisten Defizite gibt es im zweiten Bereich und damit dem Können! Das bedeutet, dass viele Wollen und auch viele durchaus Machen, aber ihnen offenbar das dafür notwendige Wissen fehlt. Vielleicht mit ein Grund, warum so viele Digitalprojekte in den Unternehmen scheitern. Und deswegen sollten auch (angehende) Digital Leader nochmals auf die digitale Schulbank. Das tut auch nicht weh…“

Professor Kollmann, wie muss Digital Leadership für Deutschland aussehen?
Das Digital Leadership ist zum einem abhängig von Digital Leadern und damit von Führungspersönlichkeiten, die jetzt mutig vorangehen und gerade auch die Corona-Krise als Chance nutzen, um die Unternehmen konsequent für das E-Business anzupassen oder umzubauen. Auch die Mitarbeiter haben durch Home-Office & Co. diese Notwendigkeit erkannt und hoffentlich auch mehr Akzeptanz für die digitale Veränderung gebildet. Wir brauchen jetzt einen starken Schulterschluss von Digital Leadership und Digital Followship für die Unternehmen in Deutschland!


Zur Person:

Prof. Dr. Tobias Kollmann ist Inhaber des Lehrstuhls für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen. Schon seit 1996 befasst er sich mit wissenschaftlichen Fragestellungen rund um die Themen Internet, E-Business und E-Commerce. Als Mitgründer von AutoScout24 gehörte er zudem mit zu den Pionieren der deutschen Internet-Gründerszene und der elektronischen Marktplätze. Brandwatch zählt „Prof_Kollmann“ zu den TOP-10 der einflussreichsten Twitter-Autoren rund um das Thema „Digitale Transformation“ und „Digital Leadership“. Laut der FAZ gehört er zu den 100 einflussreichsten Ökonomen in Deutschland. Prof. Kollmann ist zudem ein gefragter Speaker, Moderator oder Podiumsteilnehmer und sitzt in mehreren Aufsichtsräten.

Ursula Vranken. Die Strategie-Expertin und Arbeitswissenschaftlerin ist CEO und Gründerin des des IPA Institut für Personalentwicklung und Arbeitsorganisation in Köln. Sie berät Unternehmen bei der Gestaltung moderner Führungs- und Personalstrukturen. Auf ihrer Plattform Digital People Management.de  lädt die renommierte Netzwerkerin zur Diskussion rund um Wachstumsstrategien in der digitalen Wirtschaft ein und teilt ihr Wissen zu Digital Leadership,  Arbeit 4.0 und Change Management. Seit 2015 lädt Ursula Vranken mit Ihrem Geschäftspartner und Bruder Joachim Vranken jährlich zur bundesweit beachteten Leitkonferenz für Führung im digitalen Zeitalter nach Köln, zum Digital Leadership Summit, ein.