Zwischenzeugnis anfordern: Machen Sie Ihre Erfolge sichtbar
Sie leisten gute Arbeit, und trotzdem wackelt Ihr Umfeld. Kollegen gehen, Ebenen verschwinden, Zuständigkeiten wandern. Dann drängt sich eine Frage auf. Sollten Sie jetzt ein Zwischenzeugnis anfordern? Als langjähriger Business Coach sage ich ja und zeige Ihnen, warum ein Zwischenzeugnis keine Kündigungsabsicht verrät. Außerdem erfahren Sie, wie Sie vorgehen sollten.
Zwischenzeugnis anfordern heißt nicht kündigen
„Mein Chef denkt doch gleich, ich will gehen.“ Diesen Satz höre ich in meinen Coachings immer wieder. Er kommt von Führungskräften, die gute Arbeit leisten. Sie wollen bleiben. Trotzdem sehen sie, wie Kollegen links und rechts gehen müssen.
Die alte Gleichung lautet: Zwischenzeugnis gleich Absprung. Sie stammt aus Karrieren, die geradlinig verliefen. Solche Karrieren sind selten geworden. Fusionen, Eigentümerwechsel und Sparprogramme bringen ständig Bewegung ins Spiel. Ganze Führungsebenen verschwinden, oft binnen weniger Wochen. Mehr dazu lesen Sie in meinem Artikel Verlust von Führungsrollen nach Reorganisationen.
Deshalb ist das Zwischenzeugnis für Führungskräfte heute Vorsorge.
Niemand schließt eine Berufsunfähigkeitsversicherung ab, weil er krank werden will. Genauso wenig kündigen Sie innerlich, nur weil Sie vorsorgen.
Warum der Zeitpunkt jetzt entscheidend ist
Die meisten denken erst an das Zeugnis, wenn gekündigt wird. Das ist der schlechteste Moment. Der Druck ist hoch. Emotionen sitzen mit am Tisch. Und manchmal schreibt jemand das Zeugnis, der Ihre Leistung kaum kennt.
Jetzt hingegen ist Ihr Wert noch unbestritten. Ein Zwischenzeugnis hält fest, was heute sichtbar ist. Es wirkt wie ein Schnappschuss Ihrer Laufbahn. Außerdem schützt es vor dem Vergessen. Ein neuer Vorgesetzter kennt Ihre Erfolge der letzten fünf Jahre nicht. Was gestern selbstverständlich war, erwähnt dann niemand mehr.
Wann Sie ein Zwischenzeugnis verlangen können
Ein Zwischenzeugnis erhalten Sie bei berechtigtem Interesse. Die Gewerbeordnung nennt nur das Endzeugnis ausdrücklich, die Rechtsprechung hat den Anspruch auf das Zwischenzeugnis darüber hinaus entwickelt. Typische Anlässe sind ein Chefwechsel, eine Reorganisation, eine Versetzung oder eine Bewerbung. Nennen Sie den Anlass offen. Das klingt sachlich, und es stimmt.
Ein praktischer Vorteil: Das spätere Arbeitszeugnis baut auf dem Zwischenzeugnis auf. Größere Abweichungen nach unten können erklärungsbedürftig sein. Ich bin Coach und keine Juristin. Klären Sie Ihre individuelle Situation mit einem Fachanwalt für Arbeitsrecht.
Wie es Thomas nach 20 Jahren traf – ein Praxisbeispiel
Nehmen wir Thomas, 52, Bereichsleiter mit 120 Mitarbeitenden. Er arbeitet seit 20 Jahren im selben Unternehmen. In dieser Zeit hat er drei Standorte zusammengeführt. Außerdem hat er ein Lieferantenportal eingeführt und war die letzten zwei Jahre Projektleiter im unternehmensweiten Projekt Digitalisierung. Er ist ein beliebter Chef und fördert seine Mitarbeitenden.
Nun übernimmt ein neuer Geschäftsführer. Die Strukturen werden neu geordnet, und Thomas‘ Aufgaben werden neu beschrieben. Das ist ein klassischer Fall von berechtigtem Interesse. Doch in 20 Jahren wurde für Thomas nie ein Zwischenzeugnis erstellt. Es gibt kein Dokument, das seine Arbeit festhält.
Dazu kommt ein zweites Problem. Vieles, was er aufgebaut hat, weiß heute niemand mehr. Die Kollegen, die dabei waren, sind im Ruhestand oder in anderen Bereichen. Der neue Geschäftsführer sieht nur den Stand von heute. Wer erklärt ihm, wie das Lieferantenportal entstanden ist? Und wer weiß noch, was Thomas dafür geleistet hat?
Thomas hat ein Zwischenzeugnis angefordert, und zwar ohne Eile und ohne Druck. Der Anlass war klar, das Gespräch blieb sachlich. Als er seine Stationen auflistete, staunte er selbst, wie viel er geleistet hatte. Genau das ist der Wert eines Zwischenzeugnisses, auch nach vielen Jahren.
Was in ein gutes Zwischenzeugnis gehört
Ein Zwischenzeugnis für Führungskräfte enthält vier Bausteine:
- Verantwortung: Teamgröße, Budget, Berichtsweg
- Ergebnisse: Umsatz, Kosten, abgeschlossene Projekte
- Führungsleistung: Teamentwicklung, Konfliktlösung, Nachfolgeaufbau
- Rolle im Wandel: Fusion, Standortschließung, Neuaufstellung
Viele Arbeitgeber bitten Sie selbst um einen Entwurf. Das ist eine gute Gelegenheit, wichtige Themen und Projekte einzubringen. Bereiten Sie deshalb Stichpunkte vor, mit Zahlen und Daten.
Achten Sie dabei auf die Zeugnissprache. „Zur vollen Zufriedenheit“ klingt gut, entspricht aber nur der Note drei. Für eine Zwei brauchen Sie „zur vollen Zufriedenheit“ mit dem Zusatz „stets“. Für eine Eins muss „stets zur vollsten Zufriedenheit“ im Text stehen. Prüfen Sie jeden Satz einzeln, denn die Formulierungen sind kodiert.
So sprechen Sie Ihren Chef oder Chefin an
Gehen Sie in drei Schritten vor. Erstens wählen Sie einen ruhigen Termin, nicht das Krisenmeeting. Zweitens nennen Sie den Anlass, etwa die neue Struktur. Drittens betonen Sie Ihre Bleibeabsicht.
Ein Satz reicht: „Ich möchte bleiben und bitte wegen der Reorganisation um ein Zwischenzeugnis.“ Fassen Sie das Gespräch anschließend in einer kurzen Mail zusammen. Fragen Sie nach einem realistischen Zeitrahmen.
Machen Sie Ihre Erfolge sichtbar.
Ein Nebeneffekt wartet auf Sie. Beim Sortieren Ihrer Erfolge merken Sie, wie viel Sie geleistet haben. Dieses Wissen stärkt Sie, auch im Gespräch über Ihre künftige Rolle.
Sie müssen nicht warten, bis andere über Ihre Laufbahn entscheiden. Ein Zwischenzeugnis schafft Klarheit, sichert Erfolge und lässt das Heft des Handelns in Ihrer Hand.
Möchten Sie wissen, was in Ihrer Laufbahn schon lange nicht mehr sichtbar ist?
Ich unterstütze Sie gerne bei Ihrer Standortbestimmung. So haben Sie Ihren Plan B, bevor Sie ihn brauchen. Lesen Sie auch meinen Artikel „Wenn Führungskräfte gekündigt werden„
Reflexionsfrage
Welche Veränderung in Ihrem Unternehmen spüren Sie schon heute? Und wobei würde Ihnen ein Zwischenzeugnis helfen? Schreiben Sie mir!

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